Sigrid Maier - In eine Bäckerei hineingeboren


Das dramatischste Ereignis meines Lebens war die Bombardierung Heilbronns 1944. Da war ich sechs Jahre alt. Zum Glück besuchten wir an diesem Tag meine Großeltern im Gasthof Adler in Besigheim. Mein Vater hatte zu der Zeit Heimaturlaub. Und weil unser Haus mit der Bäckerei abgebrannt war, wir nichts mehr hatten außer unserem Leben, bekam er Sonderurlaub und wurde anschließend nicht zurück in den Krieg nach Russland, sondern nach Norwegen geschickt. So kam er vermutlich zum zweiten Mal mit dem Leben davon. Meine Eltern fanden eine Wohnung in Kirchheim/Teck. Dort pachtete mein Vater nach dem Krieg eine Bäckerei und arbeitete wieder in seinem Beruf als Bäcker und Konditor und dort kam ich in die Schule. Meine Mutter führte den Laden, machte den Haushalt und kümmerte sich um mich und meinen Bruder. Das Leben von meinem Bruder und mir spielte sich hauptsächlich zwischen Backstube, Laden, der Schule und „der Gass“ ab.
Umzug nach Besigheim
In Kirchheim/Teck fühlten sich meine Eltern nicht wohl. 1949
übernahmen sie in Besigheim die Weinstube Adler meiner Großeltern. Das Haus war von Anfang an etwas zu klein für das Vorhaben meiner Eltern. Ganz oben war die Backstube, darunter unsere Wohnung, im Erdgeschoss lagen Café und Weinstube. Zum Laden mussten meine Eltern und die Verkäuferinnen auf einer Wendeltreppe in den Souterrain steigen. Das hieß, viele Male am Tag mit vollen Körben mit Broten, Weckle und Brezeln von ganz oben nach ganz unten steigen und mit leeren Körben von ganz unten nach ganz oben. Die Kuchen und Torten nicht zu vergessen, die über die engen Stiegen balanciert werden mussten. Die Kundschaft konnte den Laden ebenerdig betreten.
Als wir nach Besigheim zogen, war ich elf Jahre alt. Mit 15 machte ich meinen Schulabschluss. Während meiner ganzen Schulzeit ging ich meinen Eltern zur Hand – in der Küche, im Café und im Laden. So wuchs ich von klein auf in das Geschäft meiner Eltern hinein und entwickelte Fähigkeiten fürs Leben, die man in der Schule nicht lernt: Umsicht, Verantwortung und Selbständigkeit auf der einen Seite und den Umgang mit Kunden mit sehr verschiedenen Persönlichkeiten auf der anderen Seite.
Besigheim in den 50er Jahren
Besigheim war in den fünfziger Jahren ein beliebtes Ausflugsziel. Sonntagvormittags kam ein Sonderzug aus Stuttgart an. Die Gäste wurden von der Stadtkapelle begrüßt und bis zur Kelter musikalisch begleitet. Von dort aus machten sich die einen zu Spaziergängen auf, andere zu Stadtbesichtigungen und manche besuchten die Cafés und Weinstuben. Um 17 Uhr versammelten sich die Ausflügler am Bahnhof und fuhren zurück in die Großstadt. Für die Stuttgarter ein erholsamer Sonntag, für meine Familie ein anstrengender Arbeitstag.
Deutlich in Erinnerung sind mir die Beerdigungen. Ein weitläufiger Verwandter besaß ein Pferd mit einer Kutsche und holte mit ihr den Sarg aus dem jeweilige Trauerhaus ab. Der Kutscher war ein gefühlvoller Mann, der in Tränen ausbrach, wenn er die Toten kannte. Ich war damals 14 oder 15 Jahre alt und schämte mich, dass ein Verwandter von mir vor allen Leuten weinte. Ein Mann tut das nicht, dachte ich damals, ein Mann muss sich beherrschen. In diesem Alter ist man so, da fehlt einem noch die Lebenserfahrung. Die Kutsche mit dem Sarg fuhr langsam durch das Städtchen. Die Verwandten und Bekannten des Toten schlossen sich dem Zug an, wenn er an ihrem Haus vorbei kam. So wurde der Trauerzug auf dem Weg zum Friedhof immer länger.



Das Café Röser in Ludwigsburg
Nach fünf Jahren hatten meine Eltern genug von der anstrengenden Enge im Besigheimer Haus und kauften 1954 in der Schorndorfer Str. 55 in Ludwigsburg ein Haus. Sie bauten es um zur Bäckerei und Konditorei mit Café, dem Café Röser. Sie eröffneten es am selben Tag wie das Blühende Barock, am 23. April 1954. Wir wohnten über dem Café, hatten aber weder ein Wohnzimmer noch eine eigene Küche, nur ein Schafzimmer für meine Eltern und je ein Zimmer für meinen Bruder und mich.
Alles Geld floss in den Laden, die Bäckerei und das Café. Da wir weder einen Balkon noch einen Garten hatten, wurde das BlüBa mein Garten. In den Pausen setzte ich mich auf eine Bank, genoss die Ruhe, die frische Luft und die Schönheit der Gartengestaltung.
In Ludwigsburg erweiterte ich meine Schulbildung durch den Besuch der Mittelschule und schloss sie mit der Mittleren Reife ab. Anschließend absolvierte ich im elterlichen Betrieb eine Lehre als Verkäuferin.
Kein Lehrgeld, aber ein Auto
„Lehrgeld“ bekam ich von meinen Eltern nicht, aber alles, was ich zum Leben brauchte. Mit 18 Jahren durfte ich den Führerschein machen. Der Seniorchef der Tankstelle in der Stuttgarter Straße brachte mir das Fahren bei. Er fuhr Rennen, aber als Freund meines Vaters fuhr er mit mir abends geduldig eine Stunde über Feldwege und durch die Stadt. Mit acht Stunden Fahrschule hätte ich die praktische Fahrprüfung nicht bestanden. Die Theorieprüfung bestand aus drei Fragen, die ich leicht beantworten konnte.
Meine Eltern kauften mir ein gebrauchtes Auto vom Zollamt am Killesberg, ein VW Cabrio. Es war olivgrün, vermutlich stammte es aus den Beständen der Bundeswehr. Die Farbe gefiel mir nicht und so beschlossen wir, das Auto rot lackieren zu lassen. Die Großzügigkeit meiner Eltern beruhte auf praktischen Erwägungen. Ab jetzt konnte ich meinem Vater die ungeliebte Arbeit abnehmen, Torten zu Geburtstagen und Taufen auszufahren. Zwar war ich die Erste in meinem Bekanntenkreis, die ein Auto hatte, aber das spielte unter meinen Freundinnen keine Rolle. Über Autos sprachen wir nicht.
Ein Stammgast wird zum Ehemann
Einer der Stammgäste kam jeden Nachmittag ins Café. Er war Lehrer und korrigierte Hefte lieber im Café als zuhause. Meist trank er eine Tasse Kaffee und aß ein Stück Vierfruchtkuchen. Eines Tages, irgendwann im Jahr 1959, sagte ich zu ihm: „Nehmen Sie nicht so oft den Rotstift!“ Das war der Anfang unserer Beziehung. Er lud mich zum Tanzen ins Tanzcafé Rommel in Schwaikheim oder ins Tanzcafé Scholl in Neckargröningen ein. So lernten wir uns kennen. Wir verstanden uns gut und ergänzten uns. Er war der Intellektuelle mit handwerklichem Geschick und ich die erfahrene Organisatorin, die alle Tätigkeiten in unserem Geschäft beherrschte. Wir konnten uns aufeinander verlassen, was mir sehr wichtig war. Dies bestätigte und bewährte sich, als wir unser Haus bauten.
1960 heirateten wir standesamtlich, damit wir einen Baukredit bekamen. Wir wohnten aber noch bei unseren Familien, da wir uns keine gemeinsame Wohnung leisten wollten. Als Mitgift hatte ich ein kleines Haus in Hochdorf bekommen, ein Haus mit Plumpsklo und ohne Badezimmer. Für die Familie, die wir gründen wollten, war es zu klein. Also bauten wir es um und vergrößerten es. Da wir wenig Geld hatten, machten wir beinahe alles selbst, bis auf die Elektrik und den Verputz. Sogar das Dach deckten wir weitgehend selbst, allerdings unter Anleitung eines Dachdeckers. Nachdem unser Haus fertig war, heirateten wir kirchlich und zogen ein.
Die Geschichte Kurt Maiers
An dieser Stelle möchte ich die Geschichte Kurts erzählen, die Geschichte meines Mannes. Er stammte aus der oberschlesischen Stadt Hindenburg. Sein Vater war Direktor eines Bergwerks, seine Mutter eine sogenannte höhere Tochter, gebildet, aber ohne Berufsausbildung, wie es damals in diesen Kreisen üblich war. Ihr Mann fiel in den letzten Kriegswochen bei einem Einsatz des „Volkssturms“. Nun war sie Witwe und Mutter von vier Söhnen. Der älteste Sohn war Soldat, der zweite, Kurt, 14 Jahre alt. Da sie nicht wusste, wie sie mit ihren drei Söhnen in den Kriegswirren überleben konnte, schickte sie Kurt zur Erkundigung nach Stuttgart. Denn in Stuttgart lebte ihr Bruder, bei ihm könnten sie Unterschlupf finden, hoffte sie. Ihr unerfahrener Sohn schloss sich einem Trupp Soldaten an, der auf dem Weg nach Westen war. Das war in der gefährlichen Situation ein glücklicher Umstand, da sie überall Unterkunft und Essen bekamen. Ein glücklicher Umstand war auch, dass er gegen die Kälte eine Uniformjacke der Wehrmacht bekam. Dadurch wurde er aber unglücklicherweise von französischen Soldaten für einen Wehrmachtsangehörigen gehalten und in Kriegsgefangenschaft genommen, später in amerikanische. Die amerikanischen Offiziere erkannten zum Glück, dass ein 14-Jähriger unmöglich Soldat sein konnte und entließen ihn. Nach einem drei Viertel Jahr kam Kurt endlich in Stuttgart an. Ratlos stand er da. Wie sollte er in dieser halb zerstörten Stadt seinen Onkel finden? Eine Stuttgarterin sah seine Not und fragte ihn: „Biable, wo willsch denn no?“ Da er kein Wort verstanden hatte, zeigte er ihr seinen Zettel mit der Adresse des Onkels. „Oje, in der Reinsburgstraße do schtohd nex me“, seufzte sie und nahm ihn zu sich nach Hause. Dort bekam er etwas zu essen und konnte die Nacht über bleiben. Am nächsten Tag fanden sie in den Ruinen des ausgebombten Hauses seines Onkels einen Zettel mit dessen Namen und seiner neuen Adresse. Doch da wohnte der Onkel nicht allein, sondern mit einer Frau in einem sogenannten Bratkartoffelverhältnis. In ihrer Zweizimmerwohnung war kein Platz für einen Jungen, geschweige denn für eine Witwe mit vier Söhnen.
Inzwischen hatte sich Kurts Mutter mit ihrer Mutter und ihren beiden kleinen Söhnen auf den Weg nach Stuttgart gemacht und war in einem Auffanglager in Bietigheim gelandet. Dort fand sich auch Kurt ein. Später wurden sie einer Familie in Aldingen zugewiesen, glücklicherweise einer freundlichen, die bereitwillig ihre Wohnung mit den Flüchtlingen teilte. Aus der Zwangsgemeinschaft entwickelte sich eine jahrelange Freundschaft, die noch gepflegt wurde, als die Maiers längst im eigenen Haus wohnten.
Um sich über Wasser zu halten, wusch Kurts Mutter anfangs Wäsche in den amerikanischen Kasernen. Dafür bekam sie Lebensmittel für ihre Familie. Später arbeitete sie bei Bosch am Fließband, abends wusch sie weiterhin Wäsche in den amerikanischen Kasernen. In ihrer kargen Freizeit baute sie mit ihren Söhnen zusammen in Aldingen ein Haus. Das war durch den enormen Fleiß der Maiers und günstige Kredite möglich. Ich weiß noch, dass sie für den Quadratmeter Baugrund 2,50 DM bezahlten, was ihnen von vielen Leuten geneidet wurde. Warum bekommen die einen so preiswerten Bauplatz und wir nicht?, machte die Runde. Dass die Flüchtlinge in Schlesien alles verloren hatten, bedachten die Kritiker nicht. Als ich meinen Mann kennenlernte, wohnte er schon mit seiner Familie in ihrem Haus in Aldingen.



Das Café Röser wird zum Tanzcafé
In den ersten Jahren lief das Café gut. Wir hatten viele Stammgäste, die nach der Arbeit in die Stadt gingen und zum Stammtisch ins Café. Mein Mann fühlte sich im Café wohler als in der Schule. Abends und am Wochenende arbeitete er im Cafè, was ihm einerseits gefiel, aber auch sehr anstrengend für ihn war. Ich arbeitete lieber im Hintergrund und organisierte alles Nötige.
Im Laufe der Jahre wurden die Stammgäste immer spärlicher. Diese waren für uns wichtig, da unser Café nicht an einer Laufstraße lag, sondern von den Stammgästen lebte. Zuerst suchten wir die Schuld bei uns. Wir grübelten, was wir falsch gemacht hatten. Waren wir nicht freundlich genug gewesen? Bis wir eines Tages von einem Gast den wahren Grund erfuhren: Sie hatten sich einen Fernseher gekauft und verbrachten nun die Abende zuhause.
Nachdem ich so viele Jahre im Café und in der Bäckerei verbracht hatte, sehnte auch ich mich nach einem ruhigen Familieneben an der Seite eines Beamten. Doch mein Mann hatte andere Pläne, von denen ich nichts wusste. Wie seine Brüder hatte er den Drang zur Selbständigkeit. Ohne mit mir darüber zu reden, ließ er sich aus dem Staatsdienst entlassen, um seine ganze Kraft ins Café zu stecken! Ich war enttäuscht, dass er seine Pläne nicht mit mir besprochen hatte, sondern mich vor vollendete Tatsachen stellte. Damit war mein Traum vom ruhigen Leben einer Beamtenfamilie geplatzt. Ein Tanzcafé war das neue Geschäftsmodell, um unser Café wieder attraktiv zu machen. Meine Eltern zogen sich Mitte der 60er Jahre aus dem Geschäft zurück. Sie übergaben meinem Mann und mir das Café und meinem Bruder die Bäckerei. Dies war eine gerechte und klare Teilung, die Streit verhinderte. Das Prinzip meiner Eltern, klare Verhältnisse zu schaffen, übernahmen auch wir. Wie meine Eltern investierten wir nun alles Geld in unseren eigenen Betrieb und bauten das Café zu einem Tanzcafé um.
Mittwochs, freitags, samstags und sonntags spielte ab 20 Uhr eine Kapelle zum Tanz auf, an Sonn- und Feiertagen schon ab 16:30 Uhr zum Tanztee. Nun strömten wieder die Gäste und unser Café war gerettet. Mein Mann war glücklich und betrieb das Tanzcafé mit Leib und Seele. Hier konnte er mehr bewegen als in der Schule, obwohl er gern Lehrer gewesen war. Ich organisierte weiterhin im Hintergrund.
Abends, wenn mein Mann im Tanzcafé war, kümmerte ich mich um die Kinder. Um meinen Sohn Frank, der 1962 auf die Welt kam und meine Tochter Karin, die zwei Jahre später folgte.
Rückenschmerzen und eine neue Idee
Mein Mann litt häufig unter Rückenschmerzen. Um sie zu lindern, fuhr er im Sommer zur Fangokur nach Abbano, wo sein Bruder mit seiner italienischen Frau das Kurhotel Rêve betrieb. Mein Mann meinte, in Abbano sei es für Kinder zu langweilig, aber ich wollte nicht mit den Kindern allein Urlaub machen. So entstand die Idee, im Hotel Rêve einen Kinderbereich einzurichten. Dann könnten auch junge Familien mit ihren Kindern kommen. So entstand neben dem Hotel Rêve das Rêveland mit einem großen Zelt und einem Pool. Von da an wollte die ganze Familie zwei oder dreimal im Jahr nach Abbano. Dadurch hat sich eine feste und herzliche Beziehung zum italienischen Teil unserer Familie entwickelt.
Das Ende einer Bäckerei- und Café-Ära
Kurt und ich zogen uns 1995 aus dem Café zurück und unser Sohn Frank, der eine kaufmännische Ausbildung absolviert hatte, aber oft bei uns arbeitete, übernahm das Café. Als er es 2000 schloss, wechselte er nach Abbano und arbeitete bei seinem Onkel im Hotel. Jetzt führt der italienische Zweig unserer Familie die Gastronomietradition fort. Und ich kann unbeschwert Urlaub bei meiner Familie machen. Meine Tochter schlug einen anderen Weg ein. Sie zog es weder in die Gastronomie noch in die Bäckerei, sie wurde Industriekauffrau. Mein Bruder, der die Bäckerei übernommen und sie zusammen mit seiner Frau betrieben hatte, wurde krank und verpachtete sie 1980 an die Bäckerei Rechkemmer. Damit waren wir zufrieden, denn das Lebenswerk meiner Eltern kam in gute Hände.
Noch ein Wort zu meinem Vater
Nachdem mein Vater die Bäckerei an seinen Sohn übergeben hatte, brauchte er ein Jahr, bis er sich von seinem anstrengenden Leben erholt hatte. Dann wurde ihm langweilig und er schaute sich nach einer Beschäftigung um. Irgendwie erfuhr er, dass die Württembergische Landessparkasse in Stuttgart Geldtransportbegleiter suchte. Er bewarb sich und wurde genommen. Nun begleitete er fünf Jahre lang Geldtransporte und zwar ohne die heut üblichen Sicherheitsleute und ohne besondere Sicherheitsvorkehrungen. Die Begleiter trugen einfach die Geldkassetten auf offener Straße zu den Transportern und luden sie ein. Einen Überfall gab es in dieser Zeit nicht. Diese Tätigkeit erwies sich für meinen Vater als Glücksfall, da er bei der Sparkasse angestellt war und dadurch seine bescheidene Rente als selbständiger Handwerker aufbessern konnte.





Hochzeiten
Zu der Hochzeit meiner Eltern gibt es eine Geschichte, die nicht unerwähnt bleiben soll. Meine Eltern heirateten 1935 in Besigheim und feierten eine sogenannte Doppelhochzeit, da gleichzeitig auch der Bruder meiner Mutter die Schwester meines Vaters heirateten. Durch die Bombardierung unseres Hauses in Heilbronn waren alle Fotos verbrannt, auch die der Doppelhochzeit. Als 1985 die Goldene Hochzeit nahte, bedauerten die beiden Paare, dass die Fotos ihrer Hochzeit für immer verloren waren. Bei einem Stadtbummel mit meiner Mutter blieben wir vor dem Schaufenster des Juweliers Hunke stehen und schauten die Hochzeitsfotos an, die um Trauringe drapiert waren. Lauter Fotos von Doppelhochzeiten. „Das sind doch wir!“ rief meine Mutter und zeigte auf ein Foto. Tatsächlich, es war ihr Hochzeitsfoto. Hunkes hatten das Archiv des Besigheimer Fotografen aufgekauft, um mit ihnen das Trauringe-Schaufenster zu dekorieren. Die Fotos der anderen Brautpaare wollten Hunkes nicht ausstellen, da die meisten Männer Uniformen trugen. Hunkes ließen uns einen Abzug des Hochzeitsfotos machen, das mein Bruder und ich unseren Eltern zur Goldenen Hochzeit schenkten. Zu diesem Glück gesellte sich noch ein zweites: Auch die Goldene Hochzeit konnten sie als Doppelhochzeit feiern. 15 Jahre später feierten meine Eltern als glückliches Paar die Eiserne Hochzeit.

Ein gutes Leben in Remseck und Ludwigsburg
Mit unserer Hochzeit zogen Kurt und ich in unser Haus in Remseck. Dort lebte ich 58 Jahre, auch noch nach dem Tod meines Mannes im Jahre 2000. Vor vier Jahren zog ich nach Ludwigsburg, zurück zu meinen Wurzeln. Das Haus in Remseck wollte ich nicht länger alleine bewohnen. In Remseck habe ich noch viele Bekannte, mit denen ich einmal in der Woche vormittags wandere. Außerdem bin ich an der Nachbarschaftlichen Tauschbörse in Remseck beteiligt. Da geht es um den Tausch von Hilfsdiensten untereinander. Man bringt ein, was man kann und gerne macht und fragt nach, wenn man etwas braucht. Und das ohne Geld. Das gefällt mir.
Mit Ludwigsburg war ich durch unser Geschäft und durch meine Eltern immer verbunden. Ludwigsburg ist meine Heimat. Ich bin froh, dass es sich in den letzten Jahren so positiv verändert hat. Auch meine Lebenseinstellung ist positiv. Ich bemühe mich immer, das Beste aus allem zu machen. Natürlich habe ich auch Glück, dass ich gesund bin. Ich denke immer, dass am Ende alles gut wird. Man muss nicht reich geboren sein, aber man muss gute Menschen um sich haben. Und die hatte ich durch meine Eltern und habe sie heute noch durch meine Familie und meine Freunde und Freundinnen. Ich führe ein gutes Leben.
Erzählt von Sigrid Maier, verfasst von Regina Boger im September 2024.