Autor Hotelphilosoph Yogalehrer


Die kroatischen Wurzeln
Regina Boger: Dein Nachname ist ungewöhnlich für einen Mann, der in Ludwigsburg geboren ist.
Ben Rakidzija: Meine Großeltern kommen aus Kroatien. Der Name bedeutet übersetzt so viel wie Schnapsbrenner, Raki bedeutet Schnaps und der Rakidzija ist der Schnapsbrenner. Mein Großvater war allerdings kein Schnapsbrenner, sondern ein Schuhmacher. Mein Vater kam mit sieben Jahren mit seinen Eltern aus Kroatien. Er ist in Zagreb geboren. Er ist also in Ludwigsburg in die Schule gegangen, das war damals noch die Hauptschule. Zuerst hatte er mit der Sprachbarriere zu kämpfen. Nach der Schule hat er eine Ausbildung zum Elektriker gemacht und zwar bei der EVS[1]. Die hat er erfolgreich absolviert und danach noch die Meisterschule, die er mit dem Elektromeister abgeschlossen hat. Das war höchst spannend, denn er war farbenblind. In seiner Freizeit hat er sich weitergebildet, unter anderem hat er am Abendgymnasium das Abitur gemacht. Er ging zur ÖTV[2], arbeitete sich dort hoch, setzte sich für die Rechte der Arbeiter und Angestellten ein. Er organisierte Streiks und Demonstrationen und wurde in den Betriebsrat gewählt. Durch sein Engagement und sein Redetalent wurde ein Vorgesetzter auf ihn aufmerksam, der ihn förderte. Auch der Energiekonzern Eon wurde auf ihn aufmerksam und bot ihm die Stelle als Geschäftsführer Personal an. In dieser Position wurde er wegen seines sozialen Ausgleichs zwischen den unternehmerischen Belangen und den Arbeitnehmerinteressen von allen geschätzt. Mein Vater war ein sehr guter Redner. Er meinte auch, was er sagte und das merkten die Leute. Mich hat das sehr beeindruckt und auch beeinflusst. Ich fühlte mich mehr mit ihm verbunden als mit meiner Mutter.
Dass mein Vater diese Karriere machen konnte, ist schon erstaunlich. Sein Vater war in Zagreb Schuster, seine Mutter Schusterin. Hier in Neckarweihingen haben sie in Fabriken gearbeitet. Meine Großmutter in der Kartonagenfabrik Leopold und später auch noch im Restaurant Sonne. Dort musste sie viel arbeiten und wurde schlecht bezahlt. Darüber hat sie oft gestöhnt, wenn sie ihren Lohn nicht bekam. „Bei den Reichen kann man sparen lernen“, sagte sie dann. Mein Großvater arbeitete als Dreher bei der Fa. Stahl, die Falzmaschinen für die Druckindustrie herstellte. Als mein Großvater einmal im Lotto gewonnen hat, kauften sie sich einen Wohnwagen und stellten ihn auf den Campingplatz am Waldsee in Murrhardt. Die ganze Woche über arbeiteten sie hart und am Wochenende fuhren sie an den Waldsee. Dort erholten sie sich in der Natur. Sie waren sehr naturverbunden und nützten jede Gelegenheit zum Wandern in den verschiedenen Vereinen.



1984 Ben mit seiner Mutter - 1987 beim VfB - 1988
Die deutsche Familie
Wir haben noch nicht über Deine Mutter geredet.
Meine Mutter kommt ursprünglich aus Wuppertal, von einer deutschen Familie. Sie hat viel in Büros gearbeitet, mal bei der ÖTV, mal in der Postzentrale, mal bei der Telekom. Mein Vater und sie liefen sich mal in Stuttgart über den Weg und dann zwei Jahre später wieder. Nach dieser zweiten Begegnung beschlossen sie, sich öfter zu sehen. Meine Mutter war zu dieser Zeit allerdings mit einem anderen Mann verlobt und stand kurz vor der Heirat. Mein Vater war ein bisschen penetrant und bestürmte sie bis zum letzten Tag vor der Hochzeit. Sie heiratet dennoch den anderen Mann, obwohl sie in meinen Vater verliebt war. Ihrem Mann gegenüber hatte sie immer ein schlechtes Gewissen und ließ sich bald wieder scheiden. Als sie sich dann wieder trafen beschlossen sie, so, jetzt heiraten wir. Das wirklich ein bisschen kurios.
Ich hatte einen stärkeren Bezug zu meinem Vater. Meine Mutter verkörperte mehr die Vernunft in der Familie. Mein Vater hatte natürlich die bessere Rolle, weil er alles erlaubte. Sie hat die Familie zusammengehalten. Sie veranstaltete sehr schöne Familienfeste und kochte sehr gut. Als mein Vater Manager war und viel verdiente, musste sie nicht mehr so viel arbeiten. Die beiden sprachen sich mit ihrer Rollen ab und waren damit einverstanden. Da war viel Harmonie, sie verstanden sich gut.



1999 Ici, Kroatien - 2002 auf einem Dach im Industriegebiet Ludwigsburg - 2005 Diva, Lund Field, Black Lotus Records
Schulzeit in Ludwigsburg
Du bist in Neckarweihingen geboren und aufgewachsen.
Ja, ich bin 1980 in Ludwigsburg geboren, bin in Neckarweihingen in die Friedrich-von-Keller-Schule gegangen, habe dann aber das Albertus-Magnus-Gymnasium in Stuttgart Sommerrain besucht. Der Grund war, dass mein Vater meinte, wie alle Kroaten, der Junge muss entweder Tennisspieler oder Fußballspieler werden, damit die Familie zu etwas kommt und schickte mich mit 6 in den VfB-Kindergartenclub. Von der Sommerrain-Schule konnte ich leicht zum VfB-Training gehen. Beim VfB blieb ich dann 13 Jahre und bin bis zur B-Jugend VfB-Spieler gewesen. Ich wurde dann zur U16-Nationalmannschaft eingeladen. Aber ich habe festgestellt, das ist nichts für mich. Dieser Konkurrenzkampf und dieses Hinterherlaufen hinter dem Ball, das ist nichts für mich. Ich glaube, ich war sehr gut, habe mir dann aber eine Gitarre gekauft. Mit 16/17 habe ich aufgehört mit dem Fußball und habe, das könnte kulturhistorisch sehr interessant sein, eine Band gegründet. Das sage ich, weil es war eine Death -Metal-Band. In Ludwigsburg fand zwischen 1989 und 2015 das High-Kulturleben von Metal-Bands in den Gebäuden der Coffee-Baracks statt. Heute ist das eine richtige Industrie geworden, die viel Geld verdient, aber dort hat alles angefangen. Meine Band hieß Luna Field. Ich sah natürlich auch wild aus, mit langen schwarzen Haaren und Kajal unter den Augen. Der Name wurde von manchen als etwas zu weich empfunden, aber irgendwie passte er doch. Wir waren recht erfolgreich in dieser Zeit, hatten einmal in der Woche ein Konzert. Wir haben zwei Plattenverträge gehabt, einen in Griechenland und einen in Frankreich, sind getourt. Das war damals noch klein, es war aber schon etwas Besonderes. Aber es war nicht der große Deal, finanziell, aber organisiert wars. Es war eine wirklich tolle Zeit, wir haben mit dieser Band 10 Jahre getourt, wir haben hier im Umkreis gespielt und einmal in Athen. Es hat seinen Ursprung hier. Zum Beispiel Pascal, der Chef von der Scala Wirtschaft, war damals auch in einer Band, ein Kollege sozusagen. Wir haben einander ausgeholfen.Der Leiter vom Kreisarchiv, damals mit langen Haaren und Bärtchen, spielte in einer Punkband, den Siffer. Jetzt hört sich das nicht so berauschend an, aber diese Band gibt's heute noch. Die haben so viele Leute angezogen, alle Jugendlichen sind zu denen gekommen. Und die haben alle gespielt in dieser Kaserne. Das ist ein kulturelles Zentrum gewesen, nicht nur für Metal, auch für Sanfteres, Ruhigeres.
Wurdest Du eigentlich gefördert, um aufs Gymnasium zu gehen?
Meine Mutter wollte, dass ich aufs Gymnasium komme. Ich stand so auf der Kippe zwischen Realschule und Gymnasium. Die Lehrerin war sich auch nicht sicher, aber meine Mutter hat entschieden: aufs Gymnasium. Diese Schule im Sommerrainhaben meine Eltern für mich ausgesucht, weil sie in der Nähe vom VfB Stuttgart ist. Ich kann nicht sagen, dass das Gymnasium für mich die schönste Zeit war. Ich hab die Literatur für mich sehr schnell ins Herz geschlossen und den Sport. Aber die Mathematik nicht und die Chemie nicht. Aber so hat jeder seine Vorlieben. Es war eine gute Schule, eine katholische Schule. Ursprünglich ein Jungengymnasium. Meine war die erste Klasse mit Mädchen, die erste gemischte Klasse. Die Schule war tendenziell konservativ. Wir mussten morgens immer aufstehen, wenn der Lehrer kam. Latein wurde gelehrt wie vor 100 Jahren. Was ich auch schätze. Ich glaube, ich habe ein bisschen meine Liebe für die Sprache durch das Latein gefunden, durch das Achten auf Worte, die Grammatik, Klang.
Wenn Dein Vater so ein begabter Redner war, kommen vielleicht zwei Sachen zusammen: die Struktur des Latein und die Leidenschaft des Vaters.
Ja, so habe ich das noch gar nicht gesehen. Schön gesagt. Ich denke, so könnte das sein. Mein Vater hatte sehr viel Gefühl in der Stimme, im Umgang mit Menschen überhaupt. Ich muss da mal meine Mutter fragen.

Studium
Du hast das Abitur geschafft und dann Philosophie studiert.
Ich will ehrlich sein. Ich war kein Einser-Kandidat, ich hatte einen Durchschnitt, mit dem ich das Abitur gerade so schaffte. Das Abitur war für mich wirklich eine Qual. Und dann habe ich mich für Philosophie entschieden. Da habe ich gemerkt, dass Lernen auch Spaß machen kann und dass durch ein Thema sich so viel öffnen kann. Die Professoren waren schon nett, aber das Wichtige war, dass ich mich auf Themen konzentrieren konnte, die mir wichtig waren. Ich konnte mich zurückziehen, in eine Ecke der Bibliothek und ich liebe das einfach, umgeben von Bücherstapeln. Lexika, wo ich einfach in meinem Traumreich bin. Wo ich unterstreiche, Fußnoten setze, ich konnte das Stunden machen. Ich habe nie Langeweile empfunden, es war auch nicht anstrengend. Ich habe geschlafen, Kaffee getrunken. Gut, es gab immer Tage, wo du ein bisschen … . Aber ich habe das leidenschaftlich gern gemacht, ich hatte auch nie das Gefühl, ich verpasse etwas. Ich war nie auf einer Party, ich habe ja meine Band gehabt damals. Es war ein Reich der Gedanken und anderer Welten, in die du dich hinein gedacht hast und gedanklich ausprobiert hast. Das waren Gedanken, die ich zuvor noch nie gedacht hatte, extreme Gedanken, wenn man an Nietzsche denkt oder Schopenhauer. Das hat mir viel Spaß gemacht. Ich habe vornehmlich die Philosophen ausgewählt, die lebenspraktisch waren. Das waren viele antike Philosophen wie Platon, die ja noch einfacher geschrieben haben. Philosophen, die nicht immer auf dem Lehrplan standen. Schopenhauer wurde zum Beispiel kaum gelehrt an der Universität, aber er hat ein großes Werk hinterlassen. Ich hatte auch Schwierigkeiten mit Kant und Heidegger und Hegel. Ein guter Freund an der Uni war bekennender Hegelianer, er hat irgendwie sich da gefunden. Es ist so wie mit der Mathematik, deine Natur ist einfach so. Es gibt da Schwingungssysteme und da haben nur bestimmte Menschen Zugriff drauf, denke ich.
Weshalb hast Du Geschichte studiert?
Ich habe zunächst Literaturwissenschaft studiert, für zwei Semester. Aber nach zwei Semestern habe ich gedacht, nein, das hat nichts mit Literatur zu tun. Wir hatten ein Gedicht von Hölderlin durchgenommen. Das war so leidenschaftslos dargestellt von dem Professor, das war eine Zerstörung des Gedichts. Ich liebe Literatur, aber hier bin ich irgendwie falsch, habe ich gedacht Und dann habe ich gewechselt zu Geschichte, ich brauchte ja ein zweites Fach und Geschichtswissenschaft lag nahe. Meine grundsätzliche Idee war, ich wollte mir eine Grundlage schaffen für mein schriftstellerisches Leben. Ich habe gedacht, ich werde Schriftsteller. Aber was für eine Ausbildung braucht denn ein Schriftsteller? Da sagte ich mir ganz naiv, ein Schriftsteller muss erst einmal die Welt durchdenken und kam zur Philosophie. Und dann habe ich gedacht, es ist ja auch nicht schlecht, wenn er historisch etwas weiß, so eine Grundlage hat. Philosophie und Geschichte könnten ein gutes Fundament für meinen Beruf als Schriftsteller sein. Ich habe schon mit 15 gedacht, ich will Schriftsteller sein. Mit 15 habe ich mein erstes Buch geschrieben, Aristide. In Neckarweihingen habe ich das geschrieben. Es ist nie veröffentlicht worden, aber es waren 100 Seiten, die ich zuwege gebracht habe. Ich habe es ein oder zwei meiner Freunde und meiner damaligen Freundin gezeigt. Aber es muss Hand und Fuß haben, habe ich damals im Grunde etwas schwäbisch gedacht, es muss Hand und Fuß haben.
Es kommen also die beiden Kulturen zusammen?
Ja, die Leidenschaft von meiner kroatischen Seite und das mehr Strukturierte vom Deutschen, ja auch vom Latein.
Der Drang, sich auszudrücken und zu schreiben
Zwei Kulturen können also sehr produktiv sein. Weshalb schreibst Du?
Das ist ein wirkliches Mysterium. Ich habe schon immer, seit ich 14 oder 15 bin, einen natürlichen inneren Drang gespürt, mich auszudrücken. Wenn meine Mutter etwas getan hat, mit dem ich nicht einverstanden war und ich war zornig auf meine Mutter, im Alter von neun oder zehn, dann habe ich sogenannte Kritzelkratzel-Bilder gemalt. Anstatt ihr zu sagen, ich bin zornig auf dich, habe ich einen Wachsstift genommen und habe den Wachsstift wie wild über das Papier gezogen und habe ihr das Papier gegeben – nimm’s und fang was damit an. Ich habe mich anscheinend immer über etwas ausdrücken müssen.
Also über Zeichen, nicht gestisch, nicht lautlich …
Ja, genau. Wenn ich darüber nachdenke, waren die ersten Ausdrucksmittel der Wachsstift und das Papier, das Malen. Und dann erst kam das Wort. Wenn ich zornig war oder verliebt war, ging das ins Wort über. Und noch heute, wenn ich schreibe, das muss ich sagen, ist Schreiben für mich eine Art Malerei, ist wie ein Bild, das ich so ein bisschen gestalte mit Zeichen. Also ich würde sagen, es ist so ein natürlicher Drang und woher der kommt, das müsste man eruieren. Man müsste einen Psychologen fragen, das ist ein spannender Punkt.
Dieser Drang, Dich auszudrücken, war also schon immer da.
Ja, die Freude an der Phantasie, am Spiel und später die Freude am Bauen von Geschichten und am Weitergeben von Geschichten.
Nach dem Studium wolltest Du also Autor werden.
Ja, schon während des Studiums habe ich viel geschrieben. In der Zeit zwischen meinem 15. Lebensjahr bis zu der Zeit nach meinem Studium – wie alt war ich da? 27 – habe ich sehr viel geschrieben. Einen Roman, ich habe ein Urlaubsemester genommen und einen Roman geschrieben. Aber alles, was ich da geschrieben habe, ist nicht veröffentlicht. Nach dem Studium habe ich mir gesagt, jetzt mach ich erst einmal eine Pause. Ich habe gedacht, ich habe so viel gelernt und mein Kopf ist so voll. Dann bin ich in Urlaub gefahren, nach Kroatien. Dort habe ich einen Zen-Meister getroffen. Ich habe immer den Gedanken gehabt, ich werde Schriftsteller oder ich bin Schriftsteller. Von dem „Ich werde Schriftsteller“ wurde es immer mehr zu dem „Ich bin Schriftsteller“. Wenn Anerkennung fehlt über viele Jahre, dann fragst du dich: „Werde ich Schriftsteller?“ Wenn Anerkennung so ein bisschen kommt in Form von Zustimmung und „Ja, das mag ich“, auch wenn es im kleinen Rahmen ist, dann verwandelt es sich nach und nach in ein „Ich glaube, ich bin ein Schriftsteller“ zu einem „Ja, ich bin Schriftsteller“ und „Jawohl, ich bin der größte Schriftsteller!“ Naja, so sind die Stufen und die Selbstüberschätzung.
Am Anfang des Studiums sagt der Professor: „Das was Sie hier studieren, ist brotlos. Wie wollen Sie denn nachher Ihren Lebensunterhalt verdienen? Sie müssen sich bewusst sein, Philosophie und Geschichte sind etwas Spezielles.“ Aber das hat mich nie furchtsam erregt. Es war mir eh immer klar, ich will Schriftsteller werden und wie, wird sich schon irgendwie zeigen. Mit dem Gedanken bin ich ins Studium gegangen und hab mit ihm auch das Studium verlassen. Ich habe mein Universitätsstudium mit sehr gut abgeschnitten, sowohl in der Geschichtswissenschaft als auch in der Philosophie, worauf mein Professor mir geraten hat, dass ich meinen Doktor mache in Philosophie.
Ich hab mir gesagt, jetzt habe ich mein Studium und bin auch sehr froh, dass ich das gemacht habe, aber jetzt kommt der nächste Schritt. Jetzt muss ich mich als Schriftsteller beweisen sozusagen.
Begegnung mit dem Yoga
In Kroatien hast Du den Zen-Meister getroffen.
Ja, da habe ich zum ersten Mal die Zen-Meditation kennen gelernt und darüber auch im nächsten Schritt, das Yoga. Ich hab mich in diese Übungen verliebt. Weißt du, wenn jemand zu dir jahrelang sagt, das war in der Schulzeit und in der Unizeit: „Du musst dieses Buch lesen, du musst jenes Buch lesen“, und du liest auch sehr viel und du unterstreichst und jetzt sagt jemand zu dir: „ Jetzt setzen wir uns auf ein Kissen und tun alle Bücher weg und sitzen in Stille.“ Dann ist das ein wundervolles Gefühl, ein sehr entlastendes Gefühl. Das habe ich damals sehr gebraucht und sehr geschätzt. So sind dann aus den drei Wochen, die ich bleiben wollte, drei bis vier Jahre geworden. Dreieinhalb Jahre bin ich in Sibenik in Südkroatien geblieben. Dort habe ich ein kleines Zimmer gemietet, habe alle Bücher, die ich hatte für die nächsten Jahre weggetan. Kein Handy gehabt, kein Internet, kein E-Mail-Zugang, nichts. Nur meditiert und Yoga gemacht und war in vielen Klöstern. Später bin ich von dort aus nach Zagreb gegangen, nach Italien und zu anderen Orten, um Zen intensiver zu praktizieren. Im Grunde habe ich mich zurückgezogen, kann man sagen.
Wovon hast du gelebt?
Zum Glück habe ich Ersparnisse gehabt aus meiner Zeit, als ich an der Uni war. Meine damalige Freundin und ich wollten zusammen eine kleine Wohnung kaufen. Sie hat gespart, ich habe gespart. Wir haben uns dann getrennt, aber das Geld hatte ich noch. Das waren etwa 12 oder 13 000 Euro. Ich habe sehr einfach gelebt. Meine Miete betrug etwa 250 Euro, ich habe ausgerechnet, ich darf jeden Monat 200 Euro ausgeben. 450 Euro waren immer mein Monatsbudget, mit dem bin ich gut hingekommen. Auch weil ich zum Leidwesen meiner Eltern keine Krankenversicherung hatte. Die haben sich gefragt: Wohin soll das führen? Du bist in einem Alter, in dem andere schon Familien haben. – Ja, aber für mich war das richtig und wichtig. Kurz vor meinem Uni-Abschluss habe ich meiner Band gesagt: ‚Traurigen Herzens verlasse ich euch, denn ich muss mich jetzt auf mein Studium konzentrieren und ich will mein Studium gut machen.‘ Wir wurden auch noch betrogen von unserer Plattenfirma. Und irgendwann ist es wie in einer langen Ehe, du kannst dich nicht mehr sehen. Es war ein neuer Lebensabschnitt, das habe ich gespürt. Vom Lärm zum Rückzug in die Stille. Das kann man schon so sagen. Wobei ich den Lärm schon als positiv empfunden habe, nicht als negativ.
Vom Lärm zur Stille, keine Bücher mehr, keine fremden Gedanken mehr, sondern eigene Gedanken.
Richtig, zu viele fremde Gedanken. Einfach nicht denken, loslassen vom Denken. Das war sehr heilsam. Nichts mehr lesen, einfach tagträumerisch durch die Gegend schauen. Davon heilt die Seele, vom Anblick der Natur, durch das blanke Dasein, das achtsame Dasein, Schauen. Das heilt. Das ist nicht so kompliziert, dass viele Therapeuten notwendig sind. In vielen Fällen vielleicht schon. Aber allein das Sitzen, das Betrachten der Welt, das aufmerksame Betrachten, hilft schon viel.
Ich habe in Retreats gemerkt, wie bei mir die Ideen gesprudelt sind.
Ja, durch die Leere, durch das, was sich da öffnet, was da kommt. Das ist eine Art Surrealismus. Durch das Innere kommt das, durch die Träume. Was da unterbewusst unter unseren Krusten liegt, das bricht dann auf. Wenn der Kopf voll ist, dann siehst du den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.
Fotos unten: 2019 Stuttgart - 2016 mit Antonia Mrsa in der Zagora, Kroatien




2015 Kroatien 2022 Lesung im Hotel Miramar, Opatija, Kroatien
Als Yogalehrer unterwegs
Jetzt bist du die meiste Zeit unterwegs. Du gibst Yoga- und Mediationsseminare. Das heißt, du verbringst einen großen Teil deines Lebens in Hotels, du nennst dich auch einen Hotelphilosophen. Was bedeutet diese Art des Lebens für dich?
Es ist einerseits eine Herausforderung, ständig seinen Koffer ein- und auszupacken, auch die Reisen von A nach B. Ich bin im Jahr etwa acht Monate auf Reisen und das seit schon 12 bis 13 Jahren. Man trifft immer neue Menschen, was ich sehr schätze, was aber auch mit gewissen Anstrengungen verbunden ist. Gleichzeitig schätze ich dieses Leben auch sehr, denn es hilft mir bei meiner kreativen Arbeit sehr. Ich kann mich in meine Hotelzimmer zurückziehen, morgens und nachmittags gebe ich ja Yoga. Dazwischen habe ich viel Freizeit, die nutze ich für meine Literatur, für mein Schreiben. Ich habe mir das damals so gebaut. Die Frage war ja: Jetzt bist Du Schriftsteller. Gut, aber damit hast du ja noch kein Geld verdient. Wie schaffst du es, damit du möglichst unabhängig bleibst, ohne mit dem Schreiben Geld verdienen zu müssen. Wenn ich Geld verdiene mit dem Schreiben, muss ich einem bestimmten Geschmack entsprechen, dann muss ich dieses oder jenes schreiben. Das ist ja klar, die Verlage wollen natürlich, dass ich verkaufe. Aber um unabhängig zu bleiben, ist es vielleicht besser, mir den Brotberuf des Yoga zu erhalten und zwischendrin zu schreiben. Gleichwohl heißt das nicht, dass du etwas Falsches geschrieben hast, wenn du den Geschmack triffst. Ich wollte möglichst unabhängig im Denken sein. Aber Yoga ist nicht nur mein Brotberuf. Ich habe gesehen, Yoga und die Zen-Meditation haben mein Leben verändert und das wollte ich auch weitergeben. Das war ein ganz dringendes Anliegen. Es ist also nicht ein reiner Brotberuf, bei dem ich meine Stempelkarte reindrücke. Es ist etwas, das ich schätze, das ich das machen darf. Hotels sind Qual und Freude. Die Freude besteht auch darin, dass ich viele Menschen treffe, viele Lebensgeschichten höre. Jeder Mensch hat eine Geschichte zu erzählen. Ich finde das so unglaublich. Ich habe auch so viele Vorurteile dadurch bekämpfen können. Wenn da eine Frau Schmidt auf mich zukommt, die war Sekretärin in einem Büro und erzählt mir ihre Lebensgeschichte, dann denke ich: Mensch, Frau Schmidt, warum hast du daraus nicht längst einen Roman gemacht? Ich bin überzeugt, jeder Mensch hat etwas zu erzählen. Das Hotel ist eine Schule des Lebens. Natürlich ist der Tourist eine spezielle Spezies, aber man sieht doch sehr viel.
Brauchst Du die Meditationspraxis, um deine Mitte nicht zu verlieren, wenn du so viel unterwegs bist, an so vielen Orten bist und so viele Menschen triffst?
Die Meditation hilft mir auch, diese Zeit zu verstehen, acht Monate konzentriert und achtsam zu bleiben, die Lebensfreude zu haben und die Energie zu tanken. Ich merke, wenn ich nicht meditiere, dann habe ich diese Energie eben nicht.
Du lebst ja aus dem Koffer, das heißt, du musst sehr strukturiert packen und dich auf das wesentliche konzentrieren, wenn du von Hotel zu Hotel reist. Dann brauchst du ja immer bestimmte Dinge und du musst Entscheidungen treffen, was nehme ich mit, was brauche ich, was brauche ich nicht.
Ich habe keinen eigenen Besitz, ich habe keine Möbel, kein Bett, keinen Kleiderschrank. Das einzige, was ich momentan besitze, ist ein Koffer. Im Koffer sind bestimmte Kleidungsstücke für Sommer und Winter, je nachdem. Und es ist eine Laptop-Tasche und eine Anzugtasche.
Eine Anzugtasche?
Eine Anzugtasche, weil ich manchmal in teureren Hotels bin und da brauchst du für die Speisesäle einen Anzug. Aber mehr habe ich nicht. Irgendwann habe ich entschieden, ich verzichte auf meine Wohnung in Stuttgart und habe meine Möbel verkauft, als ich nach Kroatien bin. Das hat sich so ergeben. Es war nicht so, dass ich das aus selbstquälerischen Gründen getan habe. Dabei ist es geblieben und ich habe auch nie mehr gebraucht. So habe ich diese drei Teile eben. Es gibt noch so ein paar Bücher bei meinem Bruder, meine Freundin hat noch zwei Kleidungsstücke, aber das war’s.


2022 mit Nicole Schaaf, Krone, Hoheneck 2019 mit Eltern und Bruder
Die Balance von Sicherheit und Freiheit
Kannst du durch diese Art des Lebens Beziehungen halten?
Das ist sicher eine Herausforderung. Ich habe eine liebe Freundin. Wir sind da sehr offen und locker miteinander. Sie hat zwei Kinder aus ihrer ersten Ehe. Wir kennen uns schon seit gut zehn Jahren. Wir sehen uns nicht das ganze Jahr über, wir sehen uns vielleicht drei, vier Monate im Jahr. Vielleicht hat es deswegen so lange gehalten. Und irgendwie haben wir eine so zauberhafte Beziehung zueinander entwickelt. Aber natürlich, wenn es um das Thema geht, eigene Familiengründung, eigene Kinder, frage ich mich, ist das noch der richtige Lebensweg für mich. Wenn ich so ein- oder zweimal im Jahr eine Frau treffe, die mir sehr sympathisch ist und ich mir ehrlicherweise vorstellen könnte, mit der kannst du leben und Kinder bekommen und dann musst du aber sagen: ich muss morgen abreisen ins nächste Hotel. Dann ist das sehr schmerzhaft. Und wenn ich so einen Menschen treffe und ich so ein bisschen in eine Wehmut und Melancholie komme, frage ich mich, ist das noch der richtige Lebensweg für mich. Gleichwohl ich die Wichtigkeit meines Lebenswegs sehe, aber andererseits auch meine eigene Natur, so bin ich gerade ein bisschen am Schwanken, wohin die Reise geht. Ich bin grad so ein bisschen offen, ich liebe meine Freundin sehr, wir haben eine gute Zeit zusammen. Aber ja, das Thema Kind wird bei mir gerade interessant. Dann wäre es ein Problem, so viel zu reisen. Dann müsste ich schon irgendwann sagen, ich muss jetzt weniger machen. Aber ich werde auch älter, ich muss auf meinen Körper achten, darauf, dass mein Knie noch mitmacht. Also ich denke, ich werde weniger reisen und rein aus körperlichen Gründen auch weniger Yoga machen. Das Pensum, das ich jetzt habe mit etwa 600 – 800 Yogaklassen im Jahr und Lesungen und verschiedene Gerichte, verschiedene Höhenunterschiede, mal 2000 Meter, mal null Meter, das ist schon ein bisschen ein Schlauch. Ich will jetzt gar nicht leiden, meine Großeltern hatten weit anstrengendere Berufe. Aber alles hat so seine eigene Herausforderung. Das Alleinsein mit sich selbst in den Zimmern, ja, da muss man schon die Technik der Meditation weiter üben.
Es gibt eine Polarität zwischen Sicherheit und Freiheit. Wo siehst du dich zwischen diesen Polen?
Meiner Natur nach bin ich ein sicherheitsdenkender Mensch. Das erwartet man nicht. Ich bin eigentlich ein konservativer Mensch. Ich spare ja auch. Das heißt, das Geld, das ich verdiene, ich bin nicht geizig, ich gebe sehr gerne aus, ich lade sehr gerne Menschen ein. Aber für mich selbst brauche ich nicht so viel, das Geld tu ich zur Seite und spar‘s. Für eine eigene Wohnung vielleicht. Ich gehe nicht in den Dschungel und will mit Löwen kämpfen. Ich gehe eher in ein Vier-Sterne-Haus in der Schweiz und mach dort mein Ding. Aber nicht, weil ich bequem bin, sondern weil sich einfach herausgestellt hat: Wenn ich eine Tour baue – es geht auch ums Geld verdienen, hat sich herausgestellt, wenn dein Brotberuf das Yoga ist, dann kannst du nicht – ich hab auch in Costa Rica schon unterrichtet, aber damit kannst du kein Geld verdienen, du kannst Erfahrungen sammeln – aber um Geld zu verdienen, müssen die Orte nah beieinander liegen, wegen dem Reisen und den Fahrtkosten. So habe ich mir ein System aufgebaut, das eigentlich sehr sicher ist, wo die Hotels ihr Surplus haben und ich habe mein Surplus. Und gleichzeitig sieht das gar nicht so sicher aus. Man denkt, ich bin der reisende Yogalehrer. Aber da ist eine riesige Bürokratie dahinter. Ich muss viele E-Mails schreiben und sehr viele Sicherheitsaspekte beachten. Wenn eine Band, eine Death-Metal-Band heute auf Tour geht und die sehen aus wie die größten Halunken und die größten Drogenbarone - Ich kann’s dir schriftlich geben: Das sind sehr konservative Menschen. Diese Tour muss geplant sein. Da geht es darum: Was esse ich, was trinke ich auf der Tour. Und ich bin überzeugt, dass die meisten Rockstars heutzutage Apfelsaft trinken und nicht immer ihre Flasche Wein. Ich glaube, das geht körperlich gar nicht. Als Yogalehrer würde ich jetzt sprechen, das ist meine Behauptung.
Es gibt ja Bands wie die Stones, die beides schaffen.
Ja, das ist ein Wunder. Es gibt wahrscheinlich so Ausnahmen körperlicher Art, die das schaffen. Also ich würde es nicht schaffen.
Ich habe noch eine Frage, die du vorhin schon beinahe beantwortet hast. Jagoda Marinic, die auch aus Kroatien stammt, sagt, sie liebe es, wie in Kroatien die Leute durcheinander sprechen und nicht so bedächtig nacheinander wie im Deutschen. Gibt es bei Dir auch so eine Mischung aus dem Lebhaften, Geselligen und dem Bedächtigen?
Durchaus, so habe ich das noch gar nicht gesehen. Das könnte schon sein. Das Durcheinanderreden, das wieder Zurückkehren zu einem Thema, das Schwanken. Ich denke schon, das ist vielleicht auch meinem eigenen Charakter geschuldet. Ich weiß nicht, woher es genau kommt. Vielleicht liegt es auch an kreativen Menschen, dass die so ein bisschen durcheinander sprechen. Es kommt drauf an.
Ich erlebe dich eher als ruhig und überlegt.
Jaja, ich versuche schon, meine Gedanken zu ordnen. Aber es kommt auf die Situation an.

2023 mit Schauspieler Volker Ranisch
Themen und Bücher
Wie kommst du zu deinen Themen?
‚Sophie & Pierre‘ ist ein Buch über den Streit der Geschlechter und das liebe Leben als solches. Ich bin erst einmal neutral an das Thema herangegangen. Aber ich habe die vielen Frauen gesehen, die auf die Straße gingen und für Frauenrechte protestiert haben. Das kam fast täglich in den Zeitungen, das war fast schon belästigend. Dann habe ich ein Interview gelesen mit Catherine Deneuve, die gesagt hat: „Ich bin eine Frau, ich habe es gerne, wenn man mir gelegentlich auf den Hintern klatscht. Und dennoch bin ich eine emanzipierte Frau.“ Das fand ich so sympathisch, dass sie das mit einem gewissen Humor gesehen hat. Ich arbeite in Hotels und kenne viele Hoteldirektorinnen. Ich kenne so viele tolle Frauen, die wirklich Großes leisten und nicht mit einem Schild rumlaufen ‚Ich bin eine Frau‘. Ich hab mich da so ein bisschen aufgeregt. Auch meine Freundin, sie ist zu einem Viertel eine Französin, auch so ein bisschen bababa. Da habe ich gedacht, ich muss da etwas machen. In meinem Buch geht es um einen Mann, der sich aufregt über die vielen Frauen, die auf die Straße gehen und für Frauenrechte kämpfen. Er schreibt einen Leserbrief, in dem er das artikuliert. Dann geht es um eine Frau, die das morgens in der Zeitung liest und sich ihrerseits höchst empört zeigt. Es beginnt ein Streit der Geschlechter. Am Ende verlieben sich die Protagonisten.
Themen generell finde ich durch ein Hineinhören in mich selbst. Und dann ist da ein starker Drang, den ich in mir spüre. Ich habe jetzt wieder ein neues Buch über den Surrealismus bzw. über André Breton.
Der Tod des Ivan Bilic – wie bist du auf dieses Buch gekommen?
Ja, es gibt das berühmte Vorbild von Tolstoi ‚Der Tod des Iwan Iljitsch‘. Den Titel habe ich verdreht. Es ist für mich ein schwereres Buch, jedenfalls thematisch. Ich hatte eine schwere Zeit, in der ich so viel gelernt hatte. Ich hatte meinen Abschluss sehr gut gemacht, aber dafür habe ich auch sehr viel geopfert, auch meine eigene mentale Gesundheit, glaube ich. Das habe ich in dem Buch ein bisschen verarbeitet. Teils auf humorvolle, teils auf ernste Weise. Gleichzeitig habe ich versucht, eine Hommage an das wundervolle Buch ‚Der Tod des Iwan Iljitsch‘ zu schreiben. Außerdem war es ein Schreibexperiment. Ich habe im Grunde jedes Wort von Tolstoi in der englischen Übersetzung – jedes Wort hat ja eine Hebung und eine Senkung – abgezählt und habe meine Worte darüber gelegt, wie eine Schablone benutzt. Ich wollte sehen, was damit passiert. Ich habe meine Geschichte verwendet, aber mit seinem Rhythmus. Mein Buch ist von der Struktur her genauso aufgebaut wie ‚Der Tod des Iwan Iljitsch‘, nur eine ganz andere Geschichte.
Also ein formales Experiment.
Ja, weil ich wissen wollte, was macht er da? Was macht er da? Warum klingt er so, wie er klingt? Für mich ist an einem Text der Klang immer sehr interessant. Bild und Klang, das sind die entscheidenden Dinge bei einem Text. Dieses Experiment war sehr spannend.
Und B von Bilic steht für Ben?
Interessant, habe ich so noch gar nicht gesehen!
Das war mein erster Gedanke.
Hätte ich gar nicht gedacht, aber schön, dass du es sagst. Vielleicht unterbewusst. Hätte ja auch ein T sein können, aber nein, B. Vielen Dank, das werde ich in mich aufnehmen.
Weshalb die englische Übersetzung und nicht die deutsche?
Am Strand von Kroatien habe ich Yoga gegeben. Da war eine russische Dame, die bei mir im Yoga war. Wir hatten sehr schön miteinander gesprochen. Sie kam aus Moskau und wollte mir ein Geschenk geben, weil sie so eine schöne Yogazeit hatte. Dann gab sie mir als Russin, sie war natürlich sehr stolz auf die russische Literatur, den ‚Tod des Iwan Iljitsch‘. In englischer Übersetzung. Es gab im Touristenshop nur die englische Übersetzung. Das war das einzige Buch, das ich damals hatte und ich habe zum ersten Mal Tolstoi gelesen, bewusst gelesen. Das hat mich sehr fasziniert und ich habe dieses Experiment gemacht.

Dein neuestes Buch ‚Die Verteidigung des Mittagsschlafs‘ kommt von deiner eigenen Praxis.
Das ist entstanden in den Corona-Zeiten, in denen ich mich zurückgezogen hatte. Ja, ich bin ein leidenschaftlicher Mittagsschläfer. Ein guter Freund von mir in Italien, übrigens der Sohn eines berühmten Schriftstellers, der macht viele Übersetzungen, unter anderem hat er den neuen Spiderman-Roman übersetzt. Der hat zu mir gesagt, weil er mich kennt: „Schreib doch mal übers Nichtstun.‘ Ich bin ja so ein bisschen zurückgezogen und irgendwie hat es in mir gewirkt. Ich hab darüber nachgedacht. Das Nichtstun war es nicht, aber das Schlafen am Mittag. Ich habe ein bisschen recherchiert und habe gemerkt, da kommt was. Dann habe ich mir eine Disziplin gebaut und habe immer morgens von 5 Uhr bis 7:30 Uhr an diesem Buch gearbeitet, um im Schreiben diese Traumphase über den Mittagsschlaf mitzunehmen.
Das Literaturfestival Lit.EU
Dann hast du ein Literaturfestival in Kroatien ins Leben gerufen. Wie ist es dazu gekommen?
Das Europäische Literaturfestival Lit.EU habe ich 2019 im Hotel Miramar in Opatija gegründet. Die Direktorin kannte ich schon einige Jahre, wir haben uns gut verstanden, wir sind per Du. Wir saßen beim Essen zusammen und es war so ein langweiliger Abend, da sagte ich zu ihr: „Mensch, wir müssen irgendetwas zusammen machen, ein Literaturfest.“ Dann hat sie gesagt „Ja, das machen wir.“ Das war wirklich so, beim Bier, muss man sagen. Ja, dann sollte ich mal einen Plan schicken. Ich habe dann so probiert, ich hatte ja so etwas noch nie gemacht. Hab bei anderen Festivals geschaut, gleich bei den größten, Berlin und Wien, wie die das so machen. Das kriegen wir auch hin. Dann haben wir ein Programm gemacht. Sie hat sie mir freie Hand gegeben, fünf oder sechs Schriftsteller für das nächste Jahr einzuladen. Dann habe ich mir gesagt, weshalb soll man klein anfangen? Warum nicht mit dem berühmtesten? Der berühmteste, den wir bekommen konnten, war damals der Franzobel aus Österreich; der Volker Hage, der war der ehemalige Literaturredakteur beim Spiegel und der Zeit. – Und die haben zugesagt, was ich erstaunlich fand. Wegen dem Hotel natürlich. Ich habe schnell gemerkt, die Schriftsteller kommen nicht wegen mir oder uns oder wegen dem Literaturfest, sondern wegen dem Meer und dem schönen Hotel. Dieses Jahr habe ich den Robert Menasse, 2023 hatte ich Denis Scheck da. Die Literaturfestivals zahlen hohe Gagen, wir bieten für eine Lesung das schöne Hotel, das Meer, eine Woche Urlaub mit der Frau. Die Schriftsteller sind zufrieden und wollen auch wiederkommen. Sie lernen sich untereinander kennen, viele kennen sich gar nicht.
Das hat auch mit deiner Lebensphilosophie zu tun - Wie leben die Menschen zusammen.
Ja, das Verbindende. Wie kommunizieren sie miteinander und das in einem Land, aus dem ich stamme, ursprünglich, auch wenn ich hier geboren bin. Den Wurzeln nach stamme ich doch aus Kroatien. Jetzt laden wir auch Schwaben ein, Markus Orths aus Karlsruhe, Denis Scheck kommt auch aus dem Schwabenland.

2022 Sintra, Portugal
Das nächste Projekt
Und dein nächstes Projekt, ist das schon abgeschlossen?
Du bist die Erste, meine Liebe, die es sieht. Was hältst du denn von dem Titel „Die Abenteuer von André Breton und seiner Mutter am Frühlingsfluss der Schönheit“?
Er ist jedenfalls so außergewöhnlich, dass man sich dafür interessiert.
Es ist ein Buch über den Surrealismus, über die Kindheit von André Breton. In surrealistischer Weise über sein Verhältnis zu seiner Mutter in der Normandie.
Das hat wieder etwas mit deiner Verbindung zum Träumen zu tun.
Absolut. Mit dem Träumen, mit der Verbindung zum Meer. Breton ist geboren in Tinchebray, in der Normandie, nicht weit weg vom Atlantik. Da gibt es die Bocage, das Hinterland, ähnlich wie die Zagora in Kroatien, nicht so trocken natürlich, eher so schwäbisch wie hier. Aber je näher man zum Meer kommt - der Atlantik natürlich. Und das Träumen und das Unterbewusste. Aus der Stille heraus sich die Dinge entwickeln lassen. Ich bin überzeugt, jeder hat eine Geschichte unterbewusst zu erzählen. Die Strukturen bilden sich beim Loslassen, beim Hineinhören. Natürlich gibt es gewisse literarische Bauelemente, die du nutzen kannst. Du kannst ein Buch mathematisch bauen, wie das Drehbuchautoren machen, aber ich bin eher grad bei so einem Roman - und André Breton wäre eher einer, der sagt, fließen lassen. Dadurch entwickelt sich eine Struktur, eine Dramaturgie. Alles ist schon da. Alles zeigt sich im Grunde durch das Betrachten. Das ist das Spannende an der Literatur, auch das Abenteuerliche.
Du schreibst also nicht nach einem Plot.
Ich habe auch Bücher und Kurzgeschichten, die nach einem Plot gehen, aber manche Bücher eben nicht. In manchen Büchern ist es eher so etwas hineinfließen, hineinfallen lassen in das Ganze. Beides hat etwas für sich. Ich denke die Mischung wäre interessant. Wir sind ja beides, Vernunftmenschen, aber auch Bauchmenschen.

Was hast Du in nächster Zeit vor? Willst Du weiterhin in Hotels als Yogalehrer und Philosoph leben und arbeiten oder hast Du auch Sehnsucht nach einem festen Wohnsitz, einem stabilen Ankerpunkt?
Ich werde, so meine Knie und mein Körper mitmachen, die nächsten zwei bis drei Jahre als reisender Yogalehrer durch Europa ziehen. Es ist mein Gelderwerb, eine schöne Aufgabe des Lebens. Aber wo ich älter werde, muss man schauen, wie mein Körper auf die vielen Übungen reagiert, ob ich weiterhin Yoga in so vielen Einheiten unterrichten kann. Ich gebe für das Bayrische Kultusministerium am Oktober literarischen Schreibunterricht, online, für Schüler aus Franken. Vielleicht könnte das ein zweites Standbein werden, die Arbeit mit Schülern, an der Literatur. Ob ich in Zeiten von Chatbots je Geld verdienen werde, mit meinem eigenen Schreiben, ist fraglich. Sicher ist: Das Schreiben ist mein Hauptberuf, der lauteste Ruf meines Inneren. Insofern, so sich die Hand bewegt und der Geist nicht müde wird, werde ich schreiben.
Vielen Dank für das Gespräch. Besonders danke ich dir für Deine Offenheit und Ehrlichkeit. Ich wünsche dir das richtige Gespür für Entscheidungen auf deinem Lebensweg. Und viel Erfolg für dein Leben als Schriftsteller und dein neues Buch.
Das Gespräch führten wir am 5.Juli auf der Terrasse des Café Madame Lu. Anschließend traf sich Ben Rakidzija mit seiner Tante Silvia Mlinar beim Seybold.