Bild: Peter Pöschl
 

Susanne Sterzenbach, Peter Vogel - Die Vorlesescheune für Erwachsene

Die Vorlesescheune
Kamelreise 2001

Wie alles anfing

„Ein Schaffer!“ Prädikat „wertvoll“ – das öffnete meinem Mann Peter Vogel am 1. Juni 2004 die Türen und Herzen unserer Nachbarn in Hoheneck. Er putzte die Fenster unseres neuen Hauses, von außen, von innen und für alle sichtbar. Hätte ich das gemacht, na ja, es wäre das Normal für eine schwäbische Hausfrau gewesen. Ich bin von Geburt tatsächlich Schwäbin, per Zufall in Stuttgart geboren im April 1957. Der Zufall wollte es, dass mein Vater, der Schauspieler Benno Sterzenbach, am Staatstheater als Götz von Berlichingen engagiert war und meine Mutter ihn hochschwanger besuchte. Und als er noch den berühmten Satz über die Bühne donnerte: „Er aber sag‘s ihm, er kann mich im Arsche lecken“, tat ich meinen ersten Schrei. Sofort danach wurde ich aber nach Bayern gebracht, wo meine Eltern in einer Wohnung am Starnberger See lebten. Meine ganze Kindheit und Jugend habe ich dort verbracht, bis zum Abitur. Dann zog es mich in die Welt. Ich wollte Rundfunk-und Fernsehjournalistin werden, dafür brauchte ich erstmal ein abgeschlossenes Studium. Und ich tat das, was ich gut konnte: Reisen und Sprachen lernen. Ich studierte Französisch und Spanisch fürs Übersetzer-Diplom. Und gleich danach – am 2. Mai 1980 – fing ich als Praktikantin beim ZDF an. Der berufliche Weg führte mich über viele Filme, Moderationen, Hörspiele zum SWF/SWR, wo ich 1985 – welches Glück – einen Kameramann kennenlernte, der die Liebe meines Lebens wurde. 

Peter Vogel

Seitdem haben wir viel zusammengearbeitet, viel diskutiert, vieles verworfen, vieles wieder zusammengesetzt. Wir kommen beide aus Theaterfamilien; Peters Vater war Bühnenbildner und Maler, seine Mutter Kostümbildnerin. Wir hatten Kreativität, Disziplin, Handwerk, Malerei, Sprache und Musik mit der Muttermilch aufgesogen. Peter, geboren 1941 in Dortmund, hat seine Kindheit während des Krieges im Theater verbracht, wo die Familie notgedrungen wohnte. Diese Grundausstattung hat es uns ermöglicht, das Besondere beim Filmemachen zu suchen und immer wieder zu erreichen. Peter hat unter anderem die Reihe „Schätze der Welt- Erbe der Menschheit“ als Kameramann entscheidend geprägt.

Verbindung zur Tagesschau

2001 war er bereits Rentner und ich wurde TV-Korrespondentin der ARD für Nordafrika. Algerien, Marokko, Tunesien. Es waren hochspannende, risikoreiche Jahre, die unser Leben für immer geprägt haben. Algier war damals unser Hauptwohnsitz, das Land litt unter islamistischem Terror. Abends auszugehen war unmöglich. Also lernten wir, zu Hause etwas für andere zu veranstalten. Und wir lernten die Wüste zu lieben. Viele Kamel- und Jeepreisen führten uns beruflich und privat durch die Sahara. Unsere Tuareg-Freunde aus dieser Zeit haben uns in Hoheneck besucht. Was für ein Aufsehen an der Bushaltestelle Uferstraße, als dort vier Tuareg in Turban und blauem Gewand ausstiegen. 

Kamelreise 2001

Meine Abteilung im SWR war wegen der Fusion von Baden-Baden nach Stuttgart umgezogen. Also kamen wir direkt von Algier nach Ludwigsburg. Das Haus hatte Peter schon vorher im Internet entdeckt. Es entpuppte sich als Glücksfall, weil es eine Art Wundertüte ist. Man kann von außen nicht sehen, wie viele Ebenen und Räume es bietet. Es gibt sogar noch Weinkeller unter der Straße.

Lange bevor ich 2019 in Rente ging, hatte ich mir schon gewünscht, dass wir mit der alten Heu-Scheune etwas Besonderes anfangen.

Und eines Tages oder Nachts kam der zündende Gedanke: Alle wollen immer nur für Kinder vorlesen, ich möchte für Erwachsene lesen. Mal sehen, ob das funktioniert.

Und Peter machte sich ans Werk, Auge in Auge mit seinem Bühnenbildner-Vater, dessen Porträt er in die Scheune hängte. Es entstand eine Bühne, die alten Bohlen und Bretter wurden gesichert, ein Wechsel-Bühnenbild entworfen, Scheinwerfer angebracht, Kabel verlegt, Ton eingerichtet, Stühle und Bänke verteilt. Zum Glück hatten wir unsere nordafrikanischen Teppiche alle mitgebracht. Nun haben sie eine großartige Bestimmung gefunden, sie wärmen den Raum und bereichern ihn mit ihren leuchtenden Farben. Dazu kommt alles, was wir so gesammelt haben, im Lauf der Jahre: Uhren, Wecker, Töpfe, Kannen, Fotoapparate. Sogar das Original-Scheunentor spielt als Bilderwand wieder mit. Eröffnet haben wir im September 2018. Seitdem hat sich das Konzept immer mal wieder verändert. In der Regel gibt es von April bis Oktober einmal pro Monat eine Veranstaltung mit einem Thema, zum dem aus der passenden Literatur gelesen wird. 

„Die Küche ist ein gefährlicher Ort“, „Anprobe – der literarische Kleiderschrank“, „Von Neckarperlen und Donauwellen“. Auch stellt Peter seine wunderbaren professionellen Bilder aus. „Zerbrechliche Schönheit – Fotografien aus der Arktis mit Lesung.“ Umwelt, Arm und Reich, Oben und Unten – diese Themen beschäftigen uns literarisch und oft auch mit Gesprächspartnern. So war der Seelsorger vom Gefängnis auf dem Hohenasperg unser Gast oder ein Tuareg, der vom Klimawandel in der Wüste erzählte.

Oder wir greifen aktuelle Themen auf in unserm politischen Eulentheater, in dem wir mit Handpuppen spielen. Kult ist mittlerweile Agaded – „Vogel“ in der Sprache der Tuareg – ein opernsingender Strauß, mit Hingabe gespielt von Peter.

Noch so ein Erbe aus unseren Theaterfamilien. 

Ein Autor sagte nach einer Lesung: „Die VorleseScheune ist ein echter surrealer Raum“. Ja, das haben wir gewollt: Einen Raum schaffen, der über die Realität hinausgeht, das Unmögliche zusammenbringt, die Gedanken öffnet und der Phantasie Flügel verleiht. Das kann nur das Publikum verwirklichen, und es passiert, der Andrang ist enorm. Wir sind sehr froh und glücklich, dass dieses Wunder immer wieder gelingt.

Copyright Text und Bilder: Susanne Sterzenbach und Peter Vogel

www.vorlesescheune.de,

Eulentheater