Ursel Kreh Vor hundert Jahren
Vor hundert Jahren
Heute ist der 1. August 2014. Und heute vor hundert Jahren hat der erste Weltkrieg begonnen. Ein Datum, welches den Anfang einer weltweiten Katastrophe markiert. Und doch hat es an jenem Tag auch schöne Ereignisse gegeben. Eines davon geschah in der Alten Gasse in Ludwigsburg.
Eine junge Familie erwartete Nachwuchs. „Hoffentlich wird es ein Mädchen“, war der größte Wunsch der werdenden Mutter, denn sie hatte bereits drei Söhne. Der Arzt hatte mit den damals möglichen Untersuchungsmethoden das Geschlecht des Kindes nicht erkennen können, er war sich nur sicher, dass es ein sehr großes Kind sein würde.
Und nun setzten nachmittags an diesem 1. August die Wehen ein. Die Hebamme kam, und entgegen der Befürchtungen verlief die Geburt schnell und ohne Komplikationen. Schon nach kurzer Zeit war das Kind auf der Welt, und die Mutter hörte die freudige Botschaft: „Es ist ein Mädchen!“ Sie jubelte: „Ein Mädchen, ich habe endlich ein Mädchen, endlich, endlich!“ Die Hebamme legte ihr die Kleine in den Arm und fragte: „Wie soll sie denn heißen?“ „Ja, natürlich Klara, so wie ich!“ antwortete die glückliche Frau.
Nach einigen Minuten jedoch wurde die junge Mutter unruhig, wälzte sich hin und her und stöhnte vor Schmerzen. Erschrocken wollte die Hebamme nach der Ursache schauen und fing plötzlich an zu lachen: „Du wolltest unbedingt ein Mädchen – nun, freu‘ dich, hier kommt noch eines!“
Bevor die junge Mutter den Sinn dieser Botschaft richtig begriffen hatte, legte ihr die Hebamme ein zweites kleines, zappelndes Bündel in den Arm. Die Frau schaute verwundert von einem Kind zum anderen, und ganz langsam wurde ihr klar, was sie da in den Armen hielt. Und dann fing sie an zu strahlen: „Jetzt habe ich auf einen Schlag zwei richtige Töchter!“
„Wie soll denn dein zweites Mädchen heißen?“ fragte die Hebamme. „Ja, natürlich Luise, das ist mein zweiter Vorname“. Nach einer kurzen Pause fuhr die junge Frau dann allerdings ganz zaghaft fort: „Aber jetzt reicht es, einen dritten Vornamen habe ich nicht!“
Sie hatte Glück, es blieb bei zweien, und sie freute sich von Herzen über dieses besondere Geschenk. Was draußen in der Welt ungefähr gleichzeitig passierte, drang glücklicherweise in diesem Augenblick nicht in ihr Bewusstsein ein.
Um 17.15 Uhr an diesem Sonnabend ließ der Deutsche Kaiser die allgemeine Mobilmachung des deutschen Heeres und der Flotte anordnen. Damit begann ein Krieg, der in den nächsten vier Jahren immenses Leid und Grauen über die Menschen in der ganzen Welt bringen sollte.
Und wie in vielen anderen Städten gingen an jenem denkwürdigen 1. August 1914 auch in Ludwigsburg die Lichter aus. Aber: Zwei gingen an!
Heute ist der 1. August 2014. Und heute vor hundert Jahren ist meine Mutter geboren…



Eltern Luise Klara und Karl 1910 Mutter Luise Klara mit Luise, Klara, Kurt 1915 Kindersegen